Wenn man das Studium der Atempflege aufnehmen will, muß man selbst denken.
Insoweit man dann diesen Gedanken festhält, wird einem die Klarheit, sie wird
einem mit jedem Atemzuge mehr: jeder Atemzug wird einem eine erweiterte
Offenbarung.
Wie das Gehirn nur zum Teil entwickelt und aufnahmefähig ist bei uns, so sind
auch unsere Organe nur zum Teil aufnahmefähig. Wenn wir mit jedem Atemzuge die
darin enthaltenen Elemente verkörperten, also die Atemwirkung sich
hindurchzöge durch eine jede Lungenzelle und dort alles ablagerte, was im
Atemzuge enthalten ist, so könnten wir das kaum fassen und die Augen könnten
es nicht ermessen.
Nur ein winzig kleiner Teil des Eingeatmeten erreicht das Lungenwesen. Nur der
geringste Teil der Chemikalien wird verbraucht und nur insoweit, als der
Erhaltungstrieb in uns schafft. Das andere offenbart, entwickelt sich nicht und
wird daher mit dem nächsten Atemzuge wieder hinausgestoßen mit der
Kohlensäure usw. So dient uns das Dynamo oder das Lungenwesen zuerst für den
Selbsterhaltungstrieb.
Wollen wir mehr von der Lunge, so muß uns die Intelligenz durchwirken. Genau in
dem Sinne, in dem wir die Atemübungen vornehmen, ziehen wir an uns, verarbeiten
wir uns die zu uns kommenden Elemente. Daher heißt es gleich bei der 1.
Atemübung: alles vergessen und nur an den Atem denken. Darum werden auch die
Augen festgesetzt auf einen Punkt, damit die in uns enthaltenen Ideen nicht
aufkommen können und wir den Atem konzentriert an uns ziehen und wieder
ausstoßen, also mittels des Gefühles fühlbar werden des Einziehens und des
Ausholens.
Mit jedem Atemzuge müssen wir einziehen den Geist der Wiederbelebung, an uns
ziehen, an uns atmen den Odem des Lebens, auf daß sich in unserem Inneren immer
mehr Raum mache der ewigwirkende Gedanke, der immer neue Verbindungen knüpft
mit dem, was uns umgibt.
Alles in der Atmosphäre Enthaltene soll nicht nur Einzug machen in uns, sondern
es soll vermöge unseres Denkenswesens in uns aufgenommen, verarbeitet und je
nach Bedarf verteilt werden. Die Verteilung der Güter, die ausgleichende
Verteilung des Guten, des immer wieder Neubelebenden, soll stattfinden in uns.
So ein solcher Zustand zuwege gebracht ist, da kann man gar nicht mehr anders,
kann nicht mehr Fremdes, nicht mehr befremdlich denken, sondern man denkt
einheimisch, selbstbewußt.
In demselben Grade, wie wir bewußt atmen, wird uns immer wieder eine
Intelligenz nach der andern offenbar gemacht. In dem Sinne, in dem wir handeln,
wird uns sozusagen der Segen. Aber immer spielt die Konzentration die
Hauptrolle. Immer klarer wird man, was sie eigentlich ist, was dabei vor sich
geht und was wir dabei bezwecken.
Ja, der Heiland sagte: "Es sei denn, daß ihr von neuem geboren werdet,
könnt ihr nicht in die Erkenntnis oder das Reich Gottes eingehen." Immer
wieder neu-geboren werden muß in uns das Herz, der Geist, die Seele, das Gesinn,
das ganze Organwesen der Blutumlauf, das Generv, das Gedrüs, eine jegliche
Zelle. Daß das nicht in einem Nu möglich ist, kann man wohl denken. Schritt
für Schritt aber kommt uns eine Entwicklung nach der andern.
Da darf man sich also nicht begrenzen mit dem Gedanken, daß man schon etwas
erreicht habe und das andere keinen Wert mehr für einen habe. Wer mit der
Atemlehre schon Halt macht, wenn er eine etwas normalere Gesundheit erlangt hat,
der begrenzt sich. Wir dürfen uns aber nie zufrieden geben mit dem schon
Erreichten.